Büffeln vor dem Beef: Ein Abend in der „ersten Grillschule in Norddeutschland“

Zeitungsartikel in der HAZ

18.15 Gerhard Schmidt klopft auf das Blech eines augenscheinlich ganz normalen Gasgrills. Es klingt, wie es eben so klingt, wenn jemand auf Blech klopft: blechern. „Dieser Kamerad hier, das ist unser Negativbeispiel“ sagt Schmidt und weist auf den Grill, den er gerade beklopft hat, „er kostet zwar nur 400 Euro, aber das Geld solltet ihr euch lieber sparen.“ Schmidt ruckelt ein wenig am Grill herum, dann wedelt er mit einem Metallstück in der Luft herum: „Hier, das Fettableitblech: viel zu dünn.“ Schmidt mustert seine Schüler durch die randlose Brille. „Nicht kaufen!“, warnt er. Die Schüler nicken. Neun Personen sind zum „Beef Festival“ in die hannoversche Grillfactory gekommen. Hier, in der „ersten Grillschule in Norddeutschland“ (so die Eigenwerbung), bietet Gerhard Schmidt Grillseminare an.

18.20 Schmidt, 71 Jahre alt, die man ihm aber keineswegs ansieht, wechselt das Thema. Vom Grill kommt er zum Fleisch. Er steht vor zwei Tafeln, die eine zeigt ein Rind, die andere ein Schwein. Die Tiere sehen wie Landkarten aus: hier das Entrecote, dort das Roastbeaf. Beim „Beef Festival“ steht naturgemäß jede Menge Rindfleisch auf dem Programm. Es gibt: Dry-Aged-Steak mit Kirschtomatenragout, Flank-Steak auf Wok-Gemüse, Rumpsteak mit Riesengarnelen und Spinatküchlein und als Dessert gegrillte Ananas. Die hat zwar nur Fruchtfleisch, wird dafür aber mit Rum serviert.

18.24 Vor dem Beef heißt es büffeln. Schmidt erklärt seinen Gästen, dass ein guter Grillmeister auf Hähnchendrehspieße verzichten könne, dass das Rindfleisch, das auf den Grill kommt, nicht frisch, sondern gut abgehangen sein müsse, und dass das elektronische Kernthermometer das wichtigste Zubehör für Grillen in der Oberliga sei. Denn: „Von außen weiß man ja nie, was innen los ist.“ Außerdem müsse man beim Fleischkauf unbedingt wählerisch sein. „Mit schlechten Lebensmitteln kann man kein gutes Essen zubereiten“, sagt Grilllehrer Schmidt. Und weil es so wichtig ist, wiederholt er dreimal, worauf es ankommt: „Lebensmittel, Lebensmittel, Lebensmittel.“

18.32 Gerhard Schmidt bittet seine Gäste hinaus ins Freie. Zu den Grills. Die stehen zwar draußen, aber eigentlich auch nicht richtig im Freien. Der Grillplatz ist ein zur Seite hin halb offenes Gewächshaus. Der Vorteil: Hier ist immer Grillwetter. Schmidt hatte die Gewächshäuser gepachtet, als er noch Bonsais verkaufte. Zu den Bonsais kam er, weil er in der Medizingerätebranche, in der er zuvor tätig war, oft nach Asien reisen musste. Den Pflanzenhandel hat er aufgegeben. Vom Gartenmöbelhandel aber ist ein Teilbereich geblieben: der Grillverkauf. Den hat er ausgeweitet, und seit 2005 bietet er Grillseminare an.

18.36 Eine Batterie von Grillgeräten (Stückpreis: über 1000 Euro) wartet hier auf die Teilnehmer des Beef-Seminars. Vor den Grills hat Gerd Schmidt einen langen Tisch aufgebaut, auf dem Schneidbretter und Messer liegen. Der Anfang ist einfach. Die Kursteilnehmer schneiden Blätterteig in kleine Quadrate. Auf die kommt ein Klacks Ziegenkäse oder das Innere von Salsiccia, einer recht würzigen italienischen Wurst.

18.46 Die Gäste wenden sich der Vorspeise zu: Blätterteigtaschen vom Grill. Außen knusprig, innen heiß und ein bisschen scharf. Gute Idee, mit Kleinigkeiten anzufangen. Denn oft beginnt ein heimischer Grillabend ja, wie er endet: mit Fleischbergen. Das hier ist der deutlich bessere Einstieg. Die Gäste kommen miteinander ins Gespräch. Jeder hat einen Klebestreifen mit seinem Vornamen drauf an der Brust. Man arbeitet ja auch freundschaftlich miteinander. Also Norbert, also Christian, also Lutz, Bernd, Thorben, Reimund, Denise, Melanie, Sigrid. Die meisten Gäste haben schon einmal ein Grillseminar in der Grillfactory von Gerd Schmidt absolviert. Und viele kennen einander. Heute sind lauter Logistiker dabei. Sie haben schon den einen oder anderen Firmenevent in der Grillschule erlebt. Nun sind sie privat hier. Weil’s so schön war.

18.52 Norbert lobt die Grillakademie: „So ein Abend in der Grillschule ist optimal, wenn man einen Kundenevent hat,“ sagt er, „viel besser als etwa Kartfahren, wo man kaum miteinander spricht.“ Einigen Grillschülern ist eine gewisse Leidenschaft für Fleisch durchaus anzusehen. Die Herren tragen ihre Bäuche mit Stolz und Würde. Und sie erzählen gern, wie sie privat grillen. Die meisten haben einen Profigrill im Garten. Reimund etwa schwört auf das Modell „Paris Deluxe“. Eigens für den Grill hat er einen Unterstand in seinem Garten installiert. Einen Grillport sozusagen. Damit er auch im Regen grillen kann. Selbstverständlich grillt er mit Gas. Das tun fast alle hier. Wer seinen Grill mit Holzkohle betreibt, fühlt sich hier wie ein Anfänger. Und das ist er ja meist auch.

18.58 Schmidt mahnt zur Eile, denn das Seminar (das erst kurz vor Mitternacht enden wird) ist eng getaktet. Während das Dry-Aged-Steak bei Niedertemperatur seiner Vollendung (Kerntemperatur: 56 Grad, dann muss es raus) entgegenschmurgelt, muss das Flank-Steak auf den Grill. Der ist auf 350 Grad vorgeheizt, eine Minute kommt jede Seite auf den Rost, dann wird der Grill ausgeschaltet. Das Fleisch ruht, bis es die gewünschte Kerntemperatur erreicht hat.

19.10 Der Grillchef schneidet das Flank-Steak in Scheiben. Das Fleisch ist genauso, wie es sein muss: außen dunkelbraun, innen rosa. Der wunderbare Duft von Röstaromen breitet sich im Gewächshaus aus. Die Grillfreunde greifen zu. Vom Wok-Gemüse nehmen sie eher wenig. Alle essen schweigend.

RONALD MEYER-ARLT